Search
crib-522517_640

Einer ging nicht nach Bethlehem

Der Engel des Herrn und die himmlischen Heerscharen waren ihnen erschienen und die Klarheit des Herrn hatte um sie geleuchtet. Jetzt standen die Hirten und die Schafe im matten Licht des Sternenhimmels. Die Männer waren durchschauert von dem Wunder, das sie gesehen und gehört hatten und drängten sich wie die Tiere aneinander.

„Lasst uns nach Bethlehem gehen und anschauen, was uns der Herr kundgetan hat“, sagte der älteste Hirte.

Die Stadt Davids lag hinter einem fernen, hohen Berg, über dem ein Stern funkelte. Die Männer beeilten sich wegzukommen, doch einer von ihnen, mit dem Namen Amos, stieß seinen Hirtenstab in den Boden und umklammerte ihn.

„Komm!“, rief der älteste Hirte, doch Amos schüttelte den Kopf. Da rief ein anderer Hirte: „ Es war ein Engel! Du hast die frohe Botschaft gehört. Ein Heiland ist uns geboren!“

„ Ich habe es gehört“, sagte Amos. „ Aber ich bleibe hier.“

Der älteste Hirte trat zu ihm und sagte: „ Verstehst du nicht? Ein Engel hat uns geheißen, nach Bethlehem zu gehen um den Heiland anzubeten. Gott hat uns seinen Willen kundgetan!“

„Es ist nicht in mein Herz gekommen“, erwiderte Amos.

Der älteste Hirte ergrimmte.

„Mit eigenen Augen“, so rief er, „hast du die himmlischen Heerscharen gesehen. Mit eigenen Ohren hast du gehört, denn es war wie Donner, als die Stimmen zu uns drangen aus der Nacht. Ehre sei Gott in der Höhe!“

Ein anderer Hirte kam hinzu.

„Amos ist nicht zufrieden weil die Berge noch stehen und der Himmel nicht eingestürzt ist. Ihm soll´s noch lauter kommen als die Stimme Gottes!“

Amos umklammerte seinen Hirtenstab fester und erwiderte: „ Ich muss es leise hören!“

Die anderen lachten und sprachen: „Was sollte dir die Stimme wohl ins Ohr sagen? Sprich, was sagt der Gott des Amos, des kleinen Hirten über hundert Schafe?“

Da fiel die Demut ab von Amos und er sprach sehr laut: „Für meine hundert Schafe bin ich der Heiland. Seht meine Herde! Die Furcht vor dem lichten Engel und den Stimmen ist noch über ihnen. Gott hat in Bethlehem zu tun. Er hat keine Zeit für hundert Schaft. Ich bleibe!“

Das sahen die anderen ein, denn es war eine große Unruhe in allen Herden und sie wussten, wie es mit Schafen ist. So baten sie Amos, auch für ihre Herden zu sorgen.

Da sie aber zu dem Pfad hinunter stiegen, der zur Stadt Davids führte, drehten sich etliche um und verspotteten ihn.

„Wir werden die Herrlichkeit am Thron Gottes sehen – und du, Amos, wirst Schafe sehen!“

Amos aber ließ sich das nicht anfechten.

Auf einen Hirten weniger, so dachte er bei sich, kommt es vor Gottes Thron nicht an. Auch hatte er keine Zeit, sich darüber zu grämen, dass er das Kind nicht sehen würde, denn es gab viel zu tun. Er trat zwischen die Schafe und ließ sein Schnalzen hören – und für seine hundert Schafe und die vielen anderen war der Laut köstlicher und freundlicher als die Stimme des lichten Engels. Sie zitterten nicht mehr und als über dem Berg, darüber der Stern gestanden, die Sonne aufstieg, begannen sie friedlich zu grasen.

„Für die Schafe“, so sprach Amos zu sich selbst, „sind die Engel zu licht. Ein Hirte ist besser für sie.“

Nach einer Weile kehrten die Hirten aus Bethlehem zurück und gaben ihm Kunde von der Krippe und von den Weisen, die sich unter sie gemischt und dem Kinde ihre Geschenke dargebracht hatten, Gold, Weihrauch und Myrrhen.

„Und du?“ fragten sie ihn. „Hast du auch ein Wunder gesehen hier auf dem Felde bei den Schafen?“

Amos sprach zu ihnen:

„Statt meiner hundert Schafe habe ich jetzt hundert und eines.“ Und er zeigte ihnen ein Lamm, das kurz vor Tagesanbruch geboren ward.

„Und kam für dieses Lamm auch eine große Stimme vom Himmel?“ fragte der älteste Hirte.

Amos schüttelte den Kopf und lächelte. Und was auf seinem Antlitz lag, war für die Hirten selbst nach dieser Nacht der Wunder ein Wunder.

„Eine leise Stimme“, sagte er, „kam in mein Herz.“

Heywood Broun

Einsenderin: Monika Chromy