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Der ganz normale Weihnachtswahnsinn

Wer hat schon Lust von der 13. Adventsfeier eines Pastors oder einer Diakonin zu hören. Es ist unsere Arbeit und die sollen wir tun, so gut wir das können. Ich will Ihnen also nichts von braunen Kuchen und Adventskalendern erzählen, nichts von Glühwein und Weihnachtstee, nichts von Herrnhuter Sternen und ausgeschnittenen Nikoläusen, auch nicht darüber, dass ich bereits Weihnachtskugeln als Ohrringe trage und ein Zimtparfüm benutze. Nicht einmal den ganz normalen Weihnachtswahnsinn meine ich. Es ist in einem Pfarrhaus normal, dass man in auf dem Gipfel der Adventszeit beim Abendbrot auch noch aus dem Wurstpapier Sterne bastelt, beim Abwaschen Palmolive Fichtennadelduft benutzt und das Geschirrtuch im Rhythmus von „O Tannenbaum“ kreisen läßt. Es muss einen nicht wundern, wenn das Auto zu einer Zweigstelle des Arbeitszimmers wird, weil man Karten und Geschenkpapier, Engel und Schneemänner (meist nur die aus Pappe versteht sich) von Gemeindehaus zu Gemeindehaus fährt. Programme für Gottesdienste und Andachten vermischen sich mit eigenen Wunschzetteln und Einkaufslisten in der Küche. All das ist für uns der ganz normale Weihnachtswahnsinn, in dem wir es immer noch schaffen, die Leute auf das Eigentliche von Weihnachten hinzuweisen, nämlich auf das Kind in der Krippe und den Stern am Himmel, der uns einen neuen Weg zeigen will.

Spannend wird es erst, wenn in dieser Zeit auch noch die Katze krank wird und man ihr jeden Tag dreimal ein Pülverchen eingeben muss und die schon betagte Dame Sinn und Zweck dieser Maßnahme überhaupt nicht einsehen will, sondern als unverschämten Eingriff in ihre Selbstbestimmungsrechte empfindet. Auch ihr Abendessen hätte sie gern in Form von kleinen Hackbällchen und wenn ich keine Zeit und Ruhe dazu habe, ihr diese kleinen Bällchen von 4,5 mm Durchmesser kreisrund zu drehen, dann ist sie nicht nur krank, sondern auch gekränkt und frißt eben gar nicht. So bleibe ich mit einem schlechten Gewissen zurück und bin selbst Schuld, wenn sie nicht schnell wieder gesund wird. In diese mühsame Krankenbehandlung hinein klingelt das Telefon. Aus dem Kirchenbüro weist man uns hin auf eine Explosion in Haus Nummer 13. Nicht dass wir abergläubisch geworden wären, nein, wir wissen, wer in 13 wohnt und tauschen in Windeseile die Pantoffeln mit den Winterstiefeln, ziehen Mantel und Handschuhe an und greifen sicherheitshalber nach dem Handy. Warum wir alarmiert werden und nicht die Feuerwehr kann ich mir in dieser Hektik auch nicht erklären, aber dafür ist es auch schon zu spät. Wir sitzen bereits im Auto und da geht es schneller, einfach hinzufahren, als dieses Rätsel zu ergründen. Außerdem bin ich zumindest passives Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, da gilt auch für mich: Löschen, Retten, Bergen. In Haus Nummer 13 erwarte ich zumindest Rauchwolken oder Nebelschwaden, beißende Gerüche oder schäumendes Wasser. Aber von außen ist nichts zu sehen. Drinnen grummelt es und ich entwickle eine neue These. Ein gar zu handfester Streit der Mietparteien? Ein plötzlich eingedrungener bissiger Hund? Ein explodierter Weihnachtsstern hat eine Supernova gebildet? Wieder sind alle Thesen falsch, denn der Herr des Hauses ist schlicht ausgeflippt und hat in seinem unheiligen Zorn alle Bücher und Vasen vom der Anrichte gefegt und sich mal so richtig Luft gemacht. All seine Wut über das Leben und das Wetter, die falschen Frühstücksbrote und die Schneeschaufel hat er rausgelassen und nun geht es ihm besser. Er fühlt sich frei zu neuen Taten und ist schon wieder ganz lieb. Sogar das entstandene Chaos hat er schon beseitigt, sich einen beruhigenden Tee gekocht und einen Weihnachtskeks dazu auf den Teller gelegt. Da wir gerade zu dieser Entspannungsphase kommen, können wir nicht mehr wirklich etwas tun, außer natürlich einen Tee mittrinken, vielleicht entspannt er ja auch uns. Aber, wie das so ist im ganz normalen Weihnachtswahnsinn, die nächste Schreckensmeldung läßt nicht lange auf sich warten. Diesmal ist sie mehr persönlicher Art, denn wir müssen hören, dass unser guter Geist im Haus, unser Putzi, die den Rest an Ordnung und Sauberkeit gewährleistet, am Knie operiert werden muss. Das heißt, dass wir nicht nur die Worte schwingen und Sätze polieren, sondern nun auch noch selbst mit Feudel und Lappen, Besen und Staubtuch wedeln müssen. Na prima! Diese zeitliche Abstimmung ist wirklich perfekt und ich überlege, was mir der Chef aller Chefs damit sagen will. Jedenfalls nichts übers Knie brechen, wortspiele ich vor mich hin.

Dafür ist mittelerweile klar, dass es heute überall in den Schulen eisfrei gab und wir auch den Konfirmandenunterricht ausfallen lassen sollen und wollen. Anstatt also am Nachmittag drei Stunden mit allen zusammen zu sein, bin ich am Vormittag drei Stunden damit beschäftigt, alle anzurufen und die frohe Kunde weiterzusagen. Ein bißchen wie der Engel auf den Feldern von Bethlehem will ich allen zurufen „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“ Man ist nur teilweise froh über diese Nachricht. Einige Eltern hatten anscheinend sehr auf einen jugendfreien Nachmittag gehofft und sind nun enttäuscht, das Grace und Jenni, Aristide und John-John keine Verpflichtung haben. Ein Vater fragt mich sogar, was ich denn mit dem ganz freien Tag mache? Bilde ich mir das ein oder schwingt ein gewisser Vorwurf mit, in dem er mir signalisieren will, dass ich gerade seine Kirchensteuern sinnlos verschwende, mit denen doch mein Gehalt gezahlt wird und das ich mir an diesem Nachmittag gar nicht wirklich verdiene. Egal, ich telefoniere weiter und hinterlasse meine frohe oder niederschmetternde Botschaft auf Anrufbeantwortern, in Mail-Boxen, bei kleinen Schwestern und betagten Großmüttern.

An der Tür klingelt es Sturm und der Postbote hält einen aufgeschlitzten Karton in der Hand, aus dem die 70 Kugelschreiber für die ehrenamtlichen Konfi-Mitarbeiter wie leise der Schnee herausrieseln. Unglücklicherweise steht er dabei über dem Rost zum Abtreten der Füße, so dass die Kulis in dem kleinen Schacht landen, der den Keller nach außen hin abdichtet. Ich rufe den Küster herbei, der das Schloß aufhebelt, damit wir die Kulis wieder heraussuchen können.

Der Vikar ruft mich an, um einen Konfirmandennachmittag mit mir zu besprechen, der etwa Mitte Mai stattfinden wird. Er hätte dazu am liebsten jetzt gleich eine Einschätzung seiner ausgearbeiteten Vorschläge. Als ordentlicher und vorausschauender Mensch nutzt er seine Zeit, um schon einmal die Dinge zu bedenken, die im nächsten Frühjahr auf ihn zukommen werden. Ich frage ihn, ob er seinen Kalender verloren hat und wünsche ihm fröhliche Weihnachten. Vermutlich lächelt er nun aus seinem theologischen Elfenbeinturm auf mich herab und denkt sich, dass bei rechtzeitiger Planung alles ganz anderes gekommen wäre. Das wird er schon sehen, wie anders es kommt, wenn er groß ist, eine eigene Gemeinde hat und es wieder Weihnachten geworden ist.

Nachdem die unverhofften Einlagen nun erst einmal bearbeitet sind, muss ich in den Ort, um eine Mischung aus dienstlichen und privaten Einkäufen zu machen. Die Katze wünscht sich spezielle Milch, ein etwas eigenwilliger Mensch braucht ein neues Hemd und hat außer mir niemanden, der es ihm kauft und eine alte Dame hat sich noch eine Geschichte aus meiner Feder erbeten, weil sie bei der Adventsfeiern nicht dabei sein konnte, sie aber doch sooo gerne gehört hätte.

Im Supermarkt sehe ich ein Hinweisschild: Adwendzbrot – heute neu. Vermutlich denken Sie jetzt: das hat sie erfunden, aber es ist wirklich wahr. Vermutlich steckt dahinter die Botschaft, dass mit dem Advent die Wende kommt, was ich aus meiner persönlichen und diakonischen Sicht, ja sogar theologisch gesehen nur bestätigen kann. Und es funktioniert auch wirklich, alle Leute, die an dem Schild vorbeikommen und es lesen, verändern ihren Gesichtsausdruck von muffig und gehetzt in Richtung grinsend, lächelnd und kopfschüttelnd. Man hat plötzlich doch ein bißchen Zeit, kommt ins Gespräch miteinander, indem man den Verfall der Rechtschreibkenntnisse beklagt oder über die neue Bedeutung des Wortes philosophiert. Und da bemühen wir uns um gute Predigten, ausgefeilte Veranstaltungen mit Warming-up-Spielen und Kommunikationsimpulsen. Wir üben Kantaten und backen Kekse nach biblischer Rezeptur und eine kleine Verkäuferin in einem Bäckerladen schreibt Adwendzbrot mit drei Rechtschreibfehlern und hat all das im Handumdrehen geschafft, an dem wir seit dem 1. Dezember herumdoktern. Das bringt mich doch ins Grübeln. Vielleicht sollten wir demnächst einen Weinnachtsgottesdienst anbieten, einen Nickelaus bestellen oder Domina-Steine zur Seniorenadventsfeier anbieten oder was hätten Sie für eine Idee? So im September müsste ich Bescheid wissen

Einsenderin: Rita Kusch