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Mein Stern

Draußen wurde es langsam dunkel. Der Nebel legte sich über den Garten und ich stand am Fenster und schaute hinaus. Heute würde es passieren, dessen war ich mir gewiss. Heute war der große Tag.

Ich wartete die letzten Reste der Helligkeit ab und zog mich an. Feste Schuhe und einen dicken langen Mantel.40 Jahre alt geworden und endlich klug genug, die richtige Kleidung zu wählen an so einem Wintertag. Beim Hinausgehen wurde es offensichtlich, der Schnee fehlte, doch wen störte das? Die Engel flogen und der Wind schnitt um meine Nase, so dass sie unwillkürlich zu nässen begann. Ich schnäuzte mich und blinzelte gen Himmel. Nebel war da. Nur Nebel. Das war kein Hindernis, meine Entschlossenheit stieg und ich war froh, endlich den Mut gefasst zu haben. Meine Schritte hallten wider als ich die kleine Gasse entlang ging. In ein paar Tagen war Weihnachten und die Vorgärten waren erhellt mit halblustigen Weihnachtsmännern und überbunten Rentieren. Nicht alle. Manche hatten ein paar Lichter montiert, die mir nun angenehm den Weg leuchteten. In mir stieg eine leichte Erregung auf.  Ich wusste um die Bedeutung dieses Tages und zog mir die Mütze tiefer ins Gesicht. Weiter gehen, einfach weitergehen. Jetzt nur nicht stehen bleiben.

An der Weggabelung begegnete mir eine Frauengestalt. Sie war eingehüllt in einen dunkelblauen Kapuzenmantel und ich konnte ihr Antlitz nur schlecht erkennen. Schon wollte ich zu einem Gruß anheben, als sie noch näher auf mich zukam und mich einfach umarmte. Diese Umarmung fühlte sich anders an als alle anderen zuvor. Die Welt versank für einen Augenblick und ich fühlte mich angenommen und geliebt. Total angenommen und geliebt. Sie roch nach dem Duft dieser Winternacht und sie sagte nur: „Ich werde dich begleiten.“ Die Art wie sie es sagte war bestimmt und klar. Sie duldete keinen Widerspruch und erzeugte auch keine Abwehr in mir. Es sollte wohl so sein. Und so gingen wir nun alle beide dorthin, wo es geschehen würde. In dieser einzigartigen, besonderen Nacht. Ein Schritt folgte auf den anderen und von meiner Begleiterin ging eine nie enden wollende Annahme meiner selbst aus. Es war mir fast, als ob ich schwebte.

Fast abrupt änderte sich dieser Zustand, als sich uns plötzlich ein Mann in den Weg stellte. Falsch, mir in den Weg stellte. Es hatte nur mit mir zu tun, das spürte ich. Er war groß und mächtig und trug einen silbrigschimmernden Mantel, auf dem kleine güldene Funken zu tanzen schienen. So ähnlich wie die Weihnachtswunderkerzen, nur tausendmal strahlender und herrlicher im Glanz. Mein Herz klopfte laut und schien mir aus der Brust zu springen als meine Augen den seinen begegneten. „Ich bin da für dich“, sprach er mit einer Stimme, die mein Herz zur Ruhe und meinen Körper wieder in die Kraft brachte. Ich verbeugte mich leicht und riskierte den nächsten Schritt. Nun hätten wir einander wohl berühren müssen, doch der machtvolle Mann reihte sich hinter mir ein, an der rechten Seite der Frau. „Ich begleite dich.“ sagte er und wiederum spürte ich, dass es wohl genau so sein sollte. Heute in dieser geheimnisvollen Nacht. Ein paar Tage vor dem Geburtstag Jesu Christi waren sie zu mir gekommen, um mich zu unterstützen bei meinem Gang.

Wir waren weit gewandert als wir endlich den Wald vor uns liegen sahen, der das Ziel meines Weges war. Der Himmel klarte sich langsam auf und ich konnte die Konturen der hohen Bäume wahrnehmen. Das Geräusch der wogenden Bäume erinnerte mich an etwas, das sich vage an die Oberfläche getraute. Es war eine Erinnerung, die lange zurückreichte. Als ich dicht vor dem Wald  innehielt, bemerkte ich den Lichtstrahl, der die Bäume zu teilen schien. Einem Scheinwerfer gleich zeigte er mir die kleine Lichtung inmitten der Finsternis den Platz, nach dem ich solange gesucht hatte. Bald würde ich ihn erreicht haben und meine Begleiter waren immer noch an meiner Seite. In diesem Jahr, wo meine Eltern verstorben waren und ich solche Angst vor einem einsamen Weihnachtsfest ausgestanden hatte, waren da zwei, die mich auf dem Weg zum  Platz meiner Sehnsucht unterstützten. Ich musste es einfach tun. Ich musste hierher kommen.  Die kleine Lichtung war schon zu sehen und ich fühlte mich aufgewühlt und in einer fast unerträglichen Spannung. Der Augenblick näherte sich unaufhaltsam.

Am Himmel oben lichteten sich die Wolken, der eine oder andere Stern ließ sich blicken. Von vorne, direkt aus dem Wald heraus lief ein Kind auf mich. Mit nackten Füßen und einem Hemdchen bekleidet. Die beiden hinter mir traten ein wenig zurück. Was jetzt geschah, ging nur mich etwas an und hatte nur mit mir zu tun. Ich musste es wagen oder wieder umkehren. Es fröstelte mich kurz, als ich das Kind so sah. Es strahlte mich an und sein Leuchten glich einem Sonnenstrahl in der Dunkelheit. In seinem Licht verlor ich alle Furcht. Mit einem Satz hüpfte es auf meinen Arm und schmiegte sich an meine Brust. Endlich, endlich war es vollbracht. Unser beider Atem vereinigte sich in Hingabe, nach langer, langer Zeit.

Ein Stern am Himmel strahlte am hellsten und deutlichsten als das Wunder geschah, ich nahm das Kind in mein Herz. Heute an diesem Vorweihnachtstag war ich geworden, wer ich bin. Frei für mein wirkliches Leben.

Seit diesem Tag ist er mit mir, dieser Stern und wenn ich manchmal zweifle, dann leuchtet er um ein Vielfaches heller und blendet mich. Dann schließ ich meine Augen und bin wieder auf der kleinen Lichtung im Wald. Ewig bleibt das. Danke, mein Stern!

Eingesendet von Gabriela Joham