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Ollys erster Winer

“ Komm schon, Mama, ich will gehn!“
Ungeduldig hopste das junge Rehchen hin und her.

Olly war gerade erst alt genug, das“Nest“ mit Mama zu verlassen.
Er war voller Vorfreude und konnte es nicht erwarten, die Welt um
ihn rum zu entdecken! Bis jetzt hatte Mama ihn daheim gelassen, wenn
sie wegging, um zu essen oder trinken. Sie warnte ihm immer,
recht still zu liegen und zu warten, bis sie wieder bei ihm sei.

Aber endlich war es soweit: Mama wollte ihn herumzeigen.
Ollys braune Augen tanzten vor Vergnuegen.

„Mama, was ist denn das?“ verwundert zeigte er auf mehrere Truthaehne die etwas weiter weg herum liefen. „Das sind Voegel, Olly,“ sagte Mama,
“ Voegel koennen fliegen, aber diese Truthaehne fliegen nie. Ich weiss
nicht , warum.“
„Mama, denkst du, der kleine dort will mit mir spielen?“ fragte Olly.
“ Ich denke nicht, Olly, ich habe die noch nie mit uns spielen gesehen,
Komm, wir gehen weiter.“
Olly folgte der Mama bereitwillig. Seine Augen nahmen alles auf. An
einem Grashalm hing eine dicke gruene Raupe. Olly schnueffelte es an,
und stiess die Raupe runter, die sich sofort fest an seiner Nase anklammerte.
„Soll das Ding immer an meiner Nase haengen? Es kitzelt, “ meinte er.
Mama musste grinsen. Sie schob die Raupe runter von Ollys Nase.
“ Das ist eine Raupe, und die werden bald in der Erde verschwinden,
wenn der kalte Winter kommt. Da werden die sich in der Erde verkriechen.“
„Aber Mama, will der kalte Winter uns auch wehtun? Wann muessen wir uns verstecken?“ “ Winter ist kein boeses Wesen, Olly, sondern eine Jahreszeit, so wie der Sommer, und nun der Herbst. Dann wirst du alles weiss sehen. Es wird schoen aussehen.“ “ Das Gras wird weiss sein, die Baeume werden weiss sein, die Blaetter werden…“ “ Mama musste wieder grinsen. „Nein, nein, das wird bloss vom Schnee zugedeckt sein. Grosse Schneeflocken werden vom Himmel fallen und alles zudecken.“
Olly lernte sehr viel in den naechsten Wochen. Jeden Tag wurde er staerker und groesser. Er wusste, wo er Wasser finden konnte. Wo er frisches gruenes Grass und
Kraeuter essen konnte. Welche Pilze er mochte. Er war sehr stolz auf sein neues Wissen.
Eines Morgens schaute er hoch, und sah , das die Blaetter rot waren. “ Mam, was ist passiert?“ Er war erstaunt. „Nun ist es wirklich Herbst“ meinte Mama. “ Bald werden die Blaetter runter fallen.“ “ Was? Warum denn?“ Olly gefiel diese Idee gar nicht. “ Das ist aber komisch.“
“ Dafuer gibt es mehrere gute Gruende, Olly. Wir werden die Blaetter nehmen und unsere
Wohnung damit warm machen. Wir koennen uns damit zudecken. Auch drauf liegen, das ist auch warm. Und die kleinen Maeuschen, die in der Erde wohnen, sind auch froh, das die Blaetter alles warm halten.“ Mama wusste halt einfach alles!
Olly wanderte rueber zu einem kleinem Haufen Blaetter, und schnueffelte sie an. Die rochen gut! “ Liebe Blaetter,“ Olly laechelte sie an.
Eines Morgens wachte er auf und fand weisses, glitzerndes Zeug draussen liegen.
“ Hallo Schnee! Da bist du ja!“ rief er. „Hihi, “ Mama kicherte, “ Olly, das ist Rauhreif.“
Olly leckte es an. “ Das ist kalt! Ist Schnee auch kalt?“ „Ja, Olly, wenn es schneit, ist es kalt. Wir werden die meisste Zeit zuhause verbringen, wo wir warm bleiben.“ Mama kannte sich da gut aus.
Sie hatten viel gegessen in letzter Zeit, hatten gut zugenommen, und hatten auch ihr warmes, dickes Winterfell bekommen. Olly dachte, das er sehr schoen aussah!
Mama hatte ihm auch von Menschen erzaehlt. Eines Tages hatten sie einen Jungen im Wald gesehen. Olly wollte hinlaufen und ihn ansehen. “ Olly, die meisten Menschen werden uns nichts tun. Aber manche schiessen uns.“ Mama erklaerte es ihm.
Olly war sehr erschrocken.
Diesen Morgen, als Olly aufwachte, war es besonders still. Verwundert schaute er sich um. Alles war weiss, und sah ganz fremd aus. “ Mama, wach auf, es hat geschneit,“
meinte er. Vorsichtig trat er auf das weisse, flauschige Zeug. Es war weich, aber kalt.
“ Mama, was sind das da fuer Flecken?“ Er deutete auf Spuren im Schnee.
„Oh, wenn du im Schnee laeufst, machst du Spuren.“ erklaerte Mama. Sie wusste einfach alles!
„Diese kleinen Spuren sind von einer Maus, und dort, das waren Voegel.“ Olly guckte und guckte, und dann schaute er hinter sich auf die Spuren, die er im Schnee machte.
„So eine gute Idee. Wer hat sich das wohl ausgedacht?“ Es gefiel ihm.
Dann sah er eine sehr grosse, tiefe Spur. „Was…Oh“ Er schaute auf, und sah den Jungen, den er schon oft gesehen hatte. Der Junge zog eine Tanne mit sich durch den Schnee. “ Ich wusste gar nicht, das Menschen Baeume essen?“ wunderte er sich laut.
„Hihihi“ Mama kicherte schon wieder. „Nein, Olly, die essen den Baum nicht. Sie werden ihn in die Stube stellen, schmuecken und helle Lichter reinmachen.Sie machen das fuer einen besonderen Tag. Ich glaube, es heisst Weihnachten. Dann stellen sie sich hin und laecheln den Baum an. Es muss ihnen gefallen.“ Mama konnte ihm alles erklaeren! Er war froh, so eine kluge Mama zu haben.
Olly dachte, das die Menschen komische Dinge taten. Er war froh, das er ein Reh war, hier draussen im schoenen Freien mit seiner Famile. Er konnte Spuren in den interessanten Schnee machen, und konnte die funkelnden Sterne ueber sich am grossen Winterhimmel stehen sehen. Die ganze wunderschoene Welt wartete noch, entdeckt zu werden!

Einsenderin: Brigitte Aubrey