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Weihnachten 1943

von Hedwig Kloster-Holl

Natürlich wußten wir nicht, daß es die letzte Weihnacht in unserem Haus sein würde. Es war auch gut so; denn ein Jahr später war von dem Anwesen außer einem Trümmerberg, aus dem verkohlte Balken herausragten, nichts mehr übrig.

Bis jetzt hatte uns der Krieg verschont. Vater war schon zu alt, um noch eingezogen zu werden. Also wurde er Hilfspolizist, auch ein Uniformträger, was ihn in den Augen von uns Kindern an Bedeutung wachsen ließ. Selbst den Nachtdienst machte er gern; denn als Teilnehmer des 1.Weltkrieges und Kriegsgefangener hatte er keinerlei Illusionen mehr über das „Kriegsspiel“.

Die Bombengeschwader dröhnten des Nachts über den Dächern, aber es betraf uns nie. Sie flogen rheinabwärts nach Köln und ins Ruhrgebiet und warfen dort ihre Bombenlast ab. Es war in diesem Zusammenhang, daß ich gerade 9 Jahre alt, etwas über die Geographie des Großdeutschen Reiches erfuhr.

Es gab Luftschutzkeller, Sirenenalarm und Christbäume am Himmel, weit genug entfernt, um sie als Sensation, aber nicht als Bedrohung zu erleben. Das nächtliche Hinabsteigen in unseren eigenen Gewölbekeller, der meterdicke Mauern hatte, bedeutete nicht Lebensgefahr. Es war ein willkommenes Abenteuer, ein kleiner prickelnder Reiz im Alltag. Um die aus dem Schlaf gerissenen Kinder zu trösten, gab es holländischen Honigkuchen, den zufriedene Hotelgäste, meine Eltern betrieben ein Kleines Hotelrestaurant in der Altstadt von Bingen, uns geschickt hatten. Unser Speisezettel war abwechslungsreich. Von Entbehrungen merkten wir wenig.Vater züchtete Kaninchen und Tauben. Von den Abfällen aus der Küche wurde ein Schwein ernährt und außerdem gab es einen Pferch voller Hühner.

Eine ganz besondere Delikatesse waren die Fischkonserven, Ölsardinen und Heringe in Tomatensoße, die ein Stammgast, der als Soldat in Dänemark war, uns geschickt hatte. Der Karton mit diesen Köstlichkeiten stand neben den gehorteten Zigarettenpäckchen auf dem Kleiderschrank im Elternschlafzimmer. Anscheinend war das ein besonders sicherer Platz.

Das Plätzchenbacken mit seinem Duft gehörte zu der fiebernden Vorfreude auf die Weihnacht wie die geheimnisvoll verschlossene Tür zu einem bestimmten Zimmer in dem weiträumigen Haus. Besonders die Terrassenplätzchen mit der Geleelage dazwischen und dem Puderzucker hatten es mir angetan oder die in Rhomben geschnittenen Oblaten mit Schichten einer Haselnuß-Schokoladenmasse. Dieses Gebäck wurde in großen Büchsen in der Kredenz aufgehoben, die mit ihrem Mahagoniefurnier den Krieg, eingelagert in einem Nebenraum der Sporthalle der Hassia in Bingen Rüdesheim, relativ unbeschädigt überstand. Die Blechbüchsen gibt es übrigens heute noch in meinem eigenen Haushalt.

Wenn die Plätzchen in eben diesen Büchsen wohlverwahrt waren, zog Mutter den Schlüssel von der Kredenztür ab. Nicht nur mein Bruder, auch mein Vater, wir alle hätten nur zu gerne genascht. Es setzte dann ein voreinander verheimlichtes Suchen nach dem Schliissel ein. Ich wurde, fündig. Mutter hatte ihn hinter den Teppich gelegt, der zwecks Schonung an Wochentagen bis zu den Tischbeinen hochgeschlagen wurde. Am Weihnachtsabend wunderte sie sich sehr, daß die Plätzchendose fast leer war. Aber sie war klug genug, kein Drama daraus zu machen.

Der Weihnachtsbaum, diesmal mit kupferroten, großen Kugeln geschmückt, stand in der Wirtsstube neben dem Aufzug, in dem die Speisen von der im 1. Stock gelegenen Küche nach unten in den Gastraum transportiert wurden. Die Puppenküche, so großräumig, daß ich von allen Kindern der Nachbarschaft beneidet wurde, stand im Sälchen, einem Nebenraum zur Gaststube, durch buntverglaste Schiebetüren von dieser getrennt.

Ich bekam eine große Puppe als Weihnachtsgeschenk in Schwarzwälder Tracht, Christel genannt, aber Puppen interessierten mich nicht sonderlich. Das Schaukelpferd für meinen dreijährigen Bruder mit aufgemaltem Sattel roch noch nach frischer Ölfarbe. Es war ein Holzpferd mit Geländer.

In der Kirche, wir gehörten der evangelischen Minderheit an, was in mir die Überzeugung weckte, etwas Besonderes zu sein, wurde ein Weihnachtsspiel aufgeführt. Ich sollte darin als Wichtel auftreten. Ich weiß noch, daß ich in einem braunen, stinkenden Umhang steckte und das Auswendiggelernte so schnell wie möglich herunterratterte, erstens vor Aufregung und zweitens, um wieder freier atmen zu können.

Jedenfalls schienen die Nonnen, in deren Kindergarten mich meine Eltern schickten, sehr eindrucksvoll von Schutzengeln erzählt zu haben. Es begab sich nämlich folgende Geschichte: Ich wurde mit einer Milchkanne weggeschickt, um ein paar Straßen weiter, Milch zu holen. Die überdachte Holztreppe, die vom l. Stock außen in den Hof führte war ziemlich steil. Irgendwie wollte ich ausprobieren, ob die Schutzengel mich tragen würden, vielleicht kam ich mir in diesem Augenblick auch selbst als Engelwesen vor. Jedenfalls hatte die Vorstellung zu schweben, oder getragen zu werden sich so in meinem Kopf festgesetzt, daß ich mich in blindem Vertrauen die Treppe hinunterfallen ließ. Es mußte mächtig gescheppert haben; denn alles kam herbeigeeilt: Mutter, Großmutter, Küchenhilfen, Bedienungen, um den Unglückswurm, der am Fuß der Treppe lag und keinen Mucks von sich gab, wehklagend in die Wirtsstube zu tragen.

Es stellt sich zum Glück heraus, daß ich außer dem Schock, von meinen Schutzengeln verraten und verkauft zu sein, keine Verletzungen davongetragen hatte. Aber wer weiß, welche Verletzungen folgenschwerer sind, die seelischen oder die körperlichen? Zunächst genoß ich es in vollen Zügen, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen und umsorgt zu werden. Normalerweise hatte man in diesem unruhigen Geschäftshaushalt für mich keine Zeit,und ich war mir viel selbst überlassen.

Für das Festessen an Weihnachten war ein Widder geschlachtet worden, eine Hasenrasse, die ziemlich groß ist und Schlappohren hat. Beim Abbalgen sah ich Vater fasziniert zu. Er machte das sehr geschickt und schnell. Das nackte Fleisch schimmerte bläulich und war in den durchsichtigen Muskelhäuten verpackt, sehr sauber und appetitlich. Nur die blutunterlaufenen Augen in den kahlen Kaninchenschädeln verursachten mir Übelkeit. Ich vermied es, den Blick dorthin zu lenken.

Von den Kaninchen wurde Hasenpfeffer gemacht. Die Klöße aus gekochten Kartoffeln, mit gerösteten Semmelstückchen in der Mitte und viel Majoran gewürzt, waren eine Spezialtät meiner Mutter und zogen ganze Scharen von Gästen herbei.

Etwas ist mir in besonderer Erinnerung: Eine geschlossene Gesellschaft in der Adventszeit, die im Sälchen zusammenkam. Es waren Vaters Polizeikollegen mit ihren Frauen, die etwas zu feiern hatten. Ich durfte nach dem Abendessen aufbleiben und bestaunte mit großen Augen den Polizeioffizier mit seinen silbernen Achselstücken. Sein Name wurde von Vater und Mutter nur im Tone höchsten Respekts genannt und so war diese Person für das Kind geheimnisvoll und anziehend. In Erinnerung geblieben ist mir eine hohe, schlanke Gestalt, die eine Ansprache hielt. Höchstwahrscheinlich habe ich keinen Blick von ihm gewendet und mit offenem Mund und gespanntester Aufmerksamkeit zugehört. Nachher wurde „Hohe Nacht der klaren Sterne“ mehr laut als richtig gesungen. Es war etwas Fremdes und doch Faszinierendes um diese Art, Weihnachten zu feiern.

Später als wir im vertrauten Familienkreis die alten Weihnachtslieder anstimmten, und die Großmutter so schön die 2. Stimme dazu sang, war das Andere, Fremde wie ein Spuk hinweggefegt, und ich freute mich an meinem Kaufladen und der neuen Puppenstube, die sogar elektrische Lämpchen hatte, die man richtig an- und ausknipsen konnte.

Kaufladen und Puppenstube standen in Großmutters Schlafzimmer mit den schweren Eichenschränken, die dunkelrot angestrichen waren wie mit geronnenem Schweineblut, das ich bei der Hausschlachtung rühren mußte. Ich mochte dieses Zimmer nicht sonderlich. Es roch nach Großmutter und Franzbranntwein. Samstags wurde ich nämlich aus mir damals unerfindlichen Gründen aus dem elterlichen Schlafzimmer ausquartiert und mußte im Ehebett des verstorbenen Großvaters schlafen. Ich empfand das als Rausschmiß und Verbannung, zumal ich mit der Großmutter oft auf Kriegsfuß stand. Ich war sehr wild und ungezogen und mehr als einmal lief mir die strenge Großmutter mit dem Kochlöffel in der drohend erhobenen Hand nach. Der große, runde Arbeitstisch mitten in der Küche wurde dann zur Zirkusarena, und ich war die Hauptdarstellerin. Aber noch lieber spielten mein Bruder und ich Höhlenmenschen, indem wir in der ruhigen Geschäftszeit zwischen 15 und 17 Uhr den langen Arbeitstisch, der an der Außenwand der Küche stand, mit Decken behängten, so daß es ganz dunkel darunter war. Die Höhle wurde natürlich mit allen verfügbaren Kissen ausgepolstert. Unser gutmütiger Vater, in Binger Mundart Babba genannt, versorgte uns mit einer Taschenlampe. Mehr als einmal bekam er von Mutter und Großmutter zu hören: „Du verwöhnst die Kinder zu sehr.“

Das Schlafzimmer der Großmutter zog mich nur in der Weihnachtszeit an, weil der Kaufladen darin stand,und ich nur zu gerne in kleinen Tütchen auf einer winzigen Waage die Waren abwog und an die Kinderkunden verkaufte. Es kamen viele Kinder zu uns, weil wir mit Spielzeug gut ausgestattet waren und viel Platz zum Herumtollen hatten.

Wer hätte damals in der Weihnachtszeit von 1943 gedacht, daß am 25. November 1944 eine Sprengbombe, die gottlob im Hof explodierte und nicht direkt auf das Haus fiel, mit ihren Druckwellen die Großmutter von ihrem Mittagsschläfchen, das sie nach dem Essen zu halten pflegte,in den ewigen Schlaf bringen würde.

Aber das ist eine andere Geschichte, und wie ich schon anfangs sagte: Es ist gut, daß man nicht weiß, wann alles zuende gehen wird.