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Weihnachten im Sommer

Der Weihnachtsmann knöpfte sein dickstes Unterhemd zu, zog seinen Pullover und eine Strickjacke darüber, schlüpfte in seinen warmen, roten Mantel und holte sich seinen Schal aus der Garderobe.

„Bei diesem Wetter jagt man doch keinen Hund hinaus!“ murmelte er als er aus dem Fenster sah.

Draußen heulte der Sturm, der Hagel schlug gegen die Fenster und Schneeflocken drangen durch die Ritzen.

„Da möchte man lieber am Ofen sitzen und einen Grog trinken!“

Widerstrebend zog er seine dicksten Wollsocken an, säuberte seine Stiefel und suchte seine Handschuhe. Er blickte in den Spiegel und dachte bei sich: „Kein Wunder, dass jeder mich für dick hält, bei all dem Zeug, das ich anziehen muss!“

Draußen wartete schon Rudolf, das Rentier. Es war so kalt, dass die Schlittenkufen am Boden festfrohren. Der Weihnachtsmann prüfte noch einmal seine Geschenkladung und galoppierte dann mit Rudolf in den dunklen, stürmischen Nachthimmel.

„Ho, ho, ho!“ lachte er vor sich hin, aber das munterte ihn auch nicht auf.

„Ich kann mich dieses Jahr gar nicht auf Weihnachten freuen, Rudolf. Warum muss Weihnachten auch immer mitten im Winter liegen, wenn das Wetter so schlecht ist?“

Rudolf hauchte auf die Schlittenglocken, die ganz zugefroren waren.

„Stimmt!“, meinte er. „Das ist kein Reisewetter! Noch nicht einmal für Rentiere! Man kann sich ja die Beine brechen!“

Sie landeten auf einem spitzen, mit Eis bedeckten Dach. Rudolf wurde skeptisch, als er den dick angezogenen Weihnachtsmann sah.

„Musst du denn unbedingt durch den Kamin klettern?“ fragte er.

„Was soll ich denn sonst machen?“, fragte der Weihnachtsmann, „Soll ich etwa an die Haustür klopfen?“.

Er schwang seine Beine über den Schornsteinrand, hielt sich die Nase zu und ließ sich in den Schornstein hinunter gleiten. Aber diesmal hatte er ein Hemd zuviel an. Er war einfach zu dick und passte nicht durch die Öffnung unten im Kamin. Festgeklemmt wie er war, wand und drehte er sich und grunzte und stöhnte. Das Feuer vom vorigen Abend schwelte noch im Rost und der aufsteigende Rauch trieb ihm die Tränen in die Augen. Außerdem wurden seine Fußsohlen allmählich heiß. Erst als Rudolf den Geschenksack in den Kamin und auf den Weihnachtsmann warf, wurde er befreit. Wie ein Sektkorken knallte er auf den Boden. Schwer atmend lag er auf dem Teppich, inmitten von Geschenken und Süßigkeiten.

„Nie wieder!“ murmelte er. „Nie wieder! Das nächste Weihnachtsfest wird vorverlegt!“

Und noch nachdem er seine Geschenke verteilt hatte und wieder aufs Dach geklettert war, schimpfte er vor sich hin:

„Nie wieder! Im nächsten Jahr gibt es frühe Weihnachten!“

„Wie früh?“ fragte Rudolf, der gerade in einer Schneewolke verschwand.

„Im Juli!“ sagte der Weihnachtsmann.

Beim Gedanken daran fühlte er sich gleich besser.

„Ho, ho, ho!“ lachte er.

So schnell wie in diesem Jahr, war der Juli noch nie heran gekommen. Der Weihnachtsmann hatte kaum Zeit alle Geschenke rechtzeitig zu besorgen. An Urlaub war in diesem Jahr nicht zu denken!

„Na, dafür gibt’s genügend Abwechslung!“ sagte er zu Rudolf. „Ich freue mich richtig auf die frühe Weihnacht! Hol‘ den wagen raus! Wir brauchen den schweren, alten Schlitten ja gar nicht!“

Dann rasierte er sich. Einen Bart ließ er sich nur im Winter stehen, um vor Kälte und Ruß geschützt zu sein. Daraufhin zog er seine Lieblingskleider an: Jeans, T-Shirt, und Sandalen. Zufrieden sah er in den Spiegel.

„Top fit!“ meinte er und hüpfte aus dem Haus.

In der Julihitze waren alle Dächer glatt und trocken und leicht zu besteigen. Der Wagen war auch viel leichter als der schwere, alte Schlitten! Der enge Schornstein war im Juli kein Problem. Der Weihnachtsmann glitt schnell wie die Feuerwehr den Kamin hinunter. Schon stand er unten und wischte sich den Ruß aus dem Gesicht. Als er sich aber umsah, merkte er, dass irgendwas nicht stimmte. Es fehlte zum Beispiel da Glas Cognac und das Stück Kuchen, das sonst immer auf ihn wartete. Es fehlte der Weihnachtsbaum und es fehlte jeglicher, anderer Weihnachtsschmuck. Es gab keine Geschenke! Das Haus sah traurig und verlassen aus! Plötzlich dämmerte es dem Weihnachtsmann. Die ganze Familie war im Urlaub!

„Wie können sie nur einfach in den Urlaub fahren, sich erholen und mich hier im Stich lassen!“

Das Schlimmste war, dass keine Schuhe und Strümpfe aufgestellt waren, in die er sonst seine Geschenke steckte. Er musste mit all seinen Geschenken wieder den Kamin hinauf klettern.

„Niemand hat anscheinend mit mir gerechnet!“ sagte er, als er schwitzend aus dem Schornstein kletterte. „In den Urlaub sind sie gefahren! Unglaublich!“

Aber Rudolf, das Rentier hörte nicht einmal zu. Er war damit beschäftigt Fliegen, Bremsen und Mücken abzuwehren.

„Im Winter gibt es diese Plagen nicht!“ murrte er und schlug vergeblich mit seinem kurzen Rentierschwanz nach den Insekten.

In jedem Haus war es das Selbe: Die Kinder waren entweder mit ihren Eltern im Urlaub, oder schlimmer noch: Sie konnten der Hitze wegen nicht einschlafen und waren hellwach! Mehr als einmal musste sich der Weihnachtsmann hastig zurückziehen, um nicht gesehen zu werden. Aber es kam noch schlimmer: Er hörte wie eine Familie die Polizei anrief, während er den Schornstein hinunter kletterte!

„Ein Einbrecher!“, hörte er sie sagen. „Und auf dem Dach ist noch einer!“

„Nie wieder!“ rief der Weihnachtsmann.

Er sprang in seinen Wagen und fuhr in rasender Eile davon. Die unverteilten Geschenke flogen holterdiepolter vom Wagen.

„Ich? Ein Einbrecher! Sonst noch was? Nein, nie wieder!“

Aber er musste ja schließlich seine Geschenke verteilen. Und so kam es, dass er wie gewöhnlich am Weihnachtsabend sein wärmstes Unterhemd und darüber Pullover, Strickjacke und den roten, mit Pelz besetzten Mantel anzog. Er streifte noch seine Handschuhe über und band den Schal um. Rudolf holte den schweren Schlitten aus dem Stall und ohne ein Wort zu sagen, machten sie sich auf die Reise durch die wirbelnden Schneeflocken. Der Weihnachtsmann war gar nicht in Stimmung „Ho, ho, ho!“ zu rufen. Nicht einmal ein einziges „Ho!“ brachte er heraus. Er hatte nämlich nur ein Paar Socken an. Und bald klapperten ihm die Zähne. Als sie wieder an das Haus mit dem engen Schornstein kamen, schnallte der Weihnachtsmann seinen Gürtel enger, legte seinen Sack über seine Schulter und setzte sich auf den Schornstein. Er saß da, wie ein Ei im Eierbecher.

„Ich weiß wirklich nicht, warum ich mir noch die Müüühüüühe mache!“ murmelte er zähneklappernd und quetschte sich durch die Öffnung. Unten fand er das Wohnzimmer festlich geschmückt vor. Ein großer, grüner Tannenbaum stand in der Ecke, seine Zweige waren voller Kerzen, Kugeln und Lametta. Der Schnee draußen warf ein weißes Licht durchs Fenster, so dass der Weihnachtsmann die Botschaft auf den vielen Weihnachtskarten lesen konnte.

„Fröhliche Weihnachten!“, „Alles liebe zum Fest!“, „Glück und Segen zum Weihnachtsfest!“. „Für den Weihnachtsmann“ stand auf einer extra Karte mitten auf dem Tisch. Und daneben standen ein Glas Cognac und ein Teller mit Kuchen. Der Weihnachtsmann aß und trank und ihm wurde ganz warm ums Herz. Oben schliefen die Kinder. Und am Fußende ihrer Betten hatten sie ihre Schuhe aufgestellt und ihm noch einmal Weihnachtskarten geschrieben.

„Ach! Weihnachten ist doch schön!“ seufzte der Weihnachtsmann.

Und er konnte vor Rührung nicht einmal „Ho, ho, ho!“ sagen. Er stieg wieder aufs Dach, der Schornstein war gar nicht so eng. Und sein dicker Winterbart ließ den Ruß nicht in seine Nase kommen.

„Tut mir leid für dich, Rudolf!“ sagte er oben. „In Zukunft werde ich alle meine Geschenke wieder am Weihnachtsabend verteilen!“

Einsenderin: Jasmin Zipperling